11. Oktober 2015 von Peter Hofmann

Die typografische Wahlkabine für die Wienwahl 2015. Bei der Auswahl der Plakate habe ich mich auf demokratischste aller Plakatwerbungen – das A0/A1-Wahlplakat – beschränkt. Die Plakate sind mir in den Bezirken 16, 8, 7, 3 und 1 begegnet, es gibt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, die Sujets stammen teilweise aus unterschiedlichen Plakatwellen.

SPÖ: Arial, Neue Helvetica

SPÖ AusbildungSPÖ Gspür

Flächiges Rot mit weißer Schrift charakterisiert die Plakate der Regierungspartei. Der Arial Black Italic gesetzte Slogan soll Dynamik vermitteln, sonst setzt man auf die Neue Helvetica.
Das G’spür für Wien beinhaltet kein solches für Typografie, wie man am Akzent anstatt eines Apostrophen erkennen kann. Zumindest sind sie in ihrer mikrotypografischen Unwissenheit konsequent – oder wie Michael Häupl sagen würde: »Da bleib’/´ i stur«.

ÖVP: FF Zwo

ÖVP-BalkenÖVP-Jur

Zu lange, in zu kleinen, zu weit laufenden Versalien gesetzte, durch schwarze Zeilenlinien zerstückelte, Schlagsätze zeugen von perfekten Plakaten für die Zielgruppe Im-Stau-stehende-Autofahrer. Andere VerkehrteilnehmerInnen dürften sich kaum die Zeit nehmen, die Plakate genauer zu betrachten.
Auf den Personen-Plakaten ist die Situation ein weniger besser. Hier funktioniert der Schwarz auf Gelb-Balken. Die Schlagsätze sind tendenziell eher zu lang.
Die Schrift: FF Zwo. Gute Schriften machen keine gute Typografie.

FPÖ: Neue Helvetica

FPÖ-Hilfe

Die FPÖ setzt die gelungene Kombination aus Corel-Draw und MS-Word-Optik auch in diesem Wahlkampf fort. Der Slogan (Neue Helvetica compressed), wird neuerdings von einer umzäunten Subline (Neue Helvetica medium) begleitet. Ein besonderes Meisterwerk: das FPÖ-Österreich-Wien-Logo. Zumindest bei Strache-Portraits dürfte das FPÖ-Grafikteam doch noch die wunderbare Welt der Farbprofile entdeckt haben. Straches Hauttöne erinnern nicht mehr an schlimmen Sonnenbrand.

Grüne: Gotham Narrow Ultra

Grüne-Öffi

Die Grünen setzen auch in diesem Wahlkampf auf die Gotham von H&Co. Grafisch ident mit den Plakaten der letzten Jahre.

Neos: Veneer Italic

Neos VeränderungNeos-Seife

Typografische Aussage der Neos: kleinrevolutionäre Underdogs mit einem Hauch Sternenstaub.
Die »Veneer« ist eine gute Bekannte wenn es darum geht den Look von Plakatsatz zu imitieren. Die Slogan sind kurz, die Silbentrennung teilweise irritierend.

10. Juni 2015 von Peter Hofmann

Tobias Frere-Jones in Österreich

Einer der bekanntesten zeitgenössischen Schriftgestalter macht (nach Innsbruck am Montag) Halt in Wien um über seine Arbeit und seine Inspirationen zu sprechen.

Tobias Frere-Jones – In letters we trust
Zeit 10. Juni 2015, 19 Uhr
Ort Designforum, MQ Wien

ocr-t – this font is made not to be read properly by machines

Typografie-Missionar und tga-Guru Martin Tiefenthaler hat seine erste Schrift veröffentlicht. Die ocr-t ist ein geometrischer Monospace-Font in elf Schnitten. 600 Zeichen, Hände, Pfeile, Pöpsche, die schönsten Schnittbezeichnungen überhaupt und der Einführungspreis von € 9,75 laden zum Kaufen und Spielen ein.
Link zur ocr-t auf Myfonts.com

Neues von den Typejockeys

Thomas Gabriel hat seine zweite Textschrift veröffentlicht. Vito ist eine Sans-serif die von den Ziffernblättern klassischer Uhren inspiriert wurde. Dem entsprechend wirkt sie eher breit als hoch (x-Höhe: ca. 80 %), wobei die unglaublichen 60 Schnitten hier sicherlich eine große Bandbreite ermöglichen.
Bis zum 14. Juli gibt es außerdem einen großzügigen Einführungsrabatt. Für alle Nicht-Entscheidungsfreudigen wurde ein Essentials-Paket mit 20 Schnitten um € 75,– geschnürt.
Typejockeys – Vito

Fontstand

Auf der Typo Berlin wurde mit Fontstand ein Art itunes/Spotify für die Schriftlizenzierung vorgestellt. Die (noch) Mac-only-Software erlaubt es Schriften zu mieten. Dabei fallen pro Monat 10 % des Preises/Schnitt an. Mietet man 12 Monate durchgehend geht die Schrift in den (Lizenz)-Besitz über.

Cool

  • Schriften können gratis für eine Stunde getestet werden (dabei werden manche Zeichen ersetzt um Gar-nicht-zahlen zu verhindern)
  • Wäre Spotify wie Fontstand würde dort nur ausgewählt gute Musik gespielt werden. Die Foundries im Fontstand-Katalog sind durchgehend High-Class-Independent-Labels (Typonine, Typejockeys, DSType,…) die dort ihren gesamten Katalog zur Verfü hr gung.
  • * Eine gute/transparent Möglichkeit, Kosten für Schriften auch an Kunden weiterzuverrechnen.

Nicht so cool

  • mein erster Test ist nicht ohne Probleme verlaufen. Mitten im Test war die Schrift in Indesign nicht mehr verfügbar, obwohl im Fontstand-Client aktiviert. Ein Neustart von Fontstand und Indesign brachte nichts, erst das Ab-/Anmelden in Fontstand brachte die Schrift zurück.
  • Mac-only
  • Desktop-Only

Fontstand – A completely new way of licensing desktop fonts.

27. März 2015 von Peter Hofmann

Rudolf von Larisch – sieht auf Fotos meist wie der Böse aus einem Tim und Struppi Comic aus.

RvL looking like the evil count in a Tintin-book

Durch einen Tweet wurde ich auf den Schriftgestalter, Grafiker und Lehrer Rudolf von Larisch aufmerksam, der eindeutig zum interessanteren Teil des österreichischen typografischen Erbes zählt. Dass sein Werk von Abhandlungen über Proportionsfehler des weiblichen Körpers1 bis zur Etablierung des Kajaks2 in Österreich reicht, bezeugt die vielfältigen Interessen des Autodidakten.

Schriftgestalter

Seine beiden Schriften Plinius (1904) und Wertzeichen-Type (1911) kamen exklusiv in der österreichischen Staatsdruckerei zum Einsatz. Als gestalterischer Autodidakt dürfte er hierbei vom Know-how der Stempelschneider in der Staatsdruckerei profitiert haben. Das Schriftschaffen der Staatsdruckerei im 19. und 20. Jahrhundert ist zwar weitgehend undokumentiert, dürfte aber qualitativ auf gutem Level gewesen sein, was man auch den beiden Larisch-Schriften ansieht.

Plinius

Zur Feier der hundertjährigen Jubiläums der K.u.K. Hof- und Staatsdruckerei 1904 wurde ein Prachtband3 in der Staatsdruckerei angefertigt. Mit Holzschnitten von Carl Otto Czeschka, den von Koloman Moser gestalteten Dekorelementen und der von Larisch entworfenen Plinius für die Fließtexte ist das Buch heute als eine der frühesten Buchausstattungen der Wiener Werkstätte, dem Wiener Pendant der Arts-and-Crafts-Bewegung bekannt.

Die Plinius ist eine venezianische Renaissance-Antiqua. Deutlich ist der Duktus der Breitfeder zu erkennen. Generell wirkt das Schriftbild sehr kräftig, mit kalligrafischen Details, wie dem Federansatz bei Punkten. Ein zeitgenössisches Vorbild war sicherlich die »Golden Type« von William Morris. Dessen Bücher aus der Kelmscott Press dürften auch für das Jubiläums-Buch Pate gestanden haben.

Der Schriftname Plinius leitet sich möglicherweise vom römischen Autor Gaius Plinius Secundus ab, dessen Werke, allen voran die »Historia Naturalis«, zu den beliebtesten Drucken der Frührenaissance zählten. Die österreichische Nationalbibliothek verfügt über fast zwanzig Inkunabeln mit Plinius-Ausgaben. Darunter eine Ausgabe der Historia Naturalis, aus der legendären venezianischen Druckerei Nicolas Jensons.

Wertzeichen-Type

Die bekanntesten Wertzeichen sind Briefmarken und Papiergeld. Auf beidem dürfte Larischs Wertzeichen-Type jedoch nie benutzt worden sein. Die Schrift war auch nicht als Schmuckschrift gestaltet, sondern für den Einsatz in Mengentexten optimiert. Der erste Weltkrieg und der damit verbundene Bedarf nach Geld führte zur Vermehrung besonderer Wertzeichen: Staats- und Kriegsanleihen. Ein guter Teil der österreichischen Kriegs- und Staatsanleihscheine während und nach dem 1. Weltkrieg wurden mit der Wertzeichen-Type gesetzt – oft gemischt mit der Plinius für Überschriften und Initialen.


Staatsanleihe von 1917 gesetzt in der Wertzeichen-Type

Hier kommt noch ein Link zum HiRes-Scan der Anleihe. Versprochen!

Diese Schriftkombination kommt auch in den späteren Ausgaben seines Lehrbuch »Unterricht in ornamentaler Schrift« zum Einsatz. Ab 1926 (eventuell früher, 5. Auflage?) wird die bis dato der Staatsdruckerei vorbehaltene Wertzeichen-Type für die Neuauflagen des Buches genutzt. Im Vergleich zur früheren Plinius ist das Schriftbild harmonischer aber auch braver. Kurze Ober- und unterlängen und das handschriftlich, fette Schriftbild machen die Garald zur jüngeren Schwester der Plinius. Auffällig sind das lange-s und zahlreiche Ligaturen (tz, st, sz, …) die dem Fraktursatz entlehnt sind. Die Kanten sind abgerundet und geben der Wertzeichen-Type ein knubeliges Aussehen, das dank des Handwerks der Stempelschneider auch in den Konsultationsgrößen nicht ins Schwammige geht.

Lehrer

Seiner Tätigkeit als Lehrer lag der Grundsatz »Schrift kommt von Schreiben« zugrunde. Darauf basierend versuchte er die Schreib-/Schrift-Ausbildung grundlegend zu verändern. Anstatt dem bis dahin üblichen stupid-exakten Abmalen von Alphabeten, arbeitete Larisch in seinem Unterricht immer mit echten Texten. Durch eigens entwickelte Quellstifte (ein abgerundetes Korkstück mit Griff), sollten die SchülerInnen das Schreiben, bei gleichbleibend dicker Strichstärke in einem Zug erlernen. Über die Ergebnisse ihrer Übungen sollten die SchülerInnen die Bedeutung von Rhythmus und Ausgleich der Buchstaben erfahren. Die Form der Buchstaben tritt vor allem in den frühen Ausgaben von »Unterricht in ornamentaler Schrift« in den Hintergrund. Durch den Austausch mit Johnston (bzw. dessen deutschstämmiger Assistentin Anna Simonson) adaptierte Larisch seine Unterrichtsmethoden und Ansichten. Z.B. wird das Schreiben von historischen Schriften in den Unterricht aufgenommen. Der Federhersteller Blankertz entwickelt auf Larischs Anregung, aus dem Quellstift die Redis-Feder, die ein ähnliches Schriftbild aufweist.

Kritik

Larisch Fokus lag auf dem Schreiben mit der Hand – nicht in der Typografie. Seine Methoden und Erkenntnisse sind zwar wertvoll und richtig – gehen aber nicht über die Ebene der Mikrotypographie hinaus. Werke wie der Jubiläumsband der Staatsdruckerei sind als Gesamtkunstwerk beeindruckend, die Lesbarkeit wurde jedoch dem repräsentativem Äußeren geopfert. Schlimmer noch, dass die ersten Ausgaben seiner »Methoden« den Look des Jubiläumsbands kopieren. Die Zierrahmen und opulenten Vignetten wirken im Kleinformat deplatziert.

Larisch-Schüler wie Robert Haas, der bis zu seiner Emigration 1938 die Officina Vindobonensis (handgesetze bibliophile Kleinauflagen) betrieb, blieben die Ausnahme. Larischs Ideal eines Buches war das handgeschriebene Buch.

Nachwirken

Nichts desto trotz, die intensive Beschäftigung mit Schrift-Schreiben die Larisch, seine Frau Helga Ramsauer-Larisch und andere Larisch-SchülerInnen in der österreichischen Grafik-Ausbildung etablierten, hat Generationen von GrafikerInnen und IllustratorInnen geprägt. Durch seine internationalen Kontakte zu Anna Simons, Rudolf Blanckertz u.a. sind Teile seiner Methoden noch heute Bestandteil der etablierten Typografie- und Schriftgestaltungsausbildungen.

Von seiner Schrift Plinius gibt es mindestens zwei digitale Revivals (ein Originalgetreues und ein Inspiriertes), ein drittes entsteht gerade im Rahmen einer Type-and-Media-Abschlussarbeit.

Anhang

Online verfügbare Digitalisate von Rudolf von Larischs Schriften (Auszug)

Links





  1. Rudolf von Larisch, Der Schönheitsfehler des Weibes: eine anthropometrisch-ästhetische Studie, Wien 1896



  2. Rudolf von Larisch, Der Kajak und seine Arten, Wien 1923



  3. Zur Feier des einhundertjährigen Bestandes der k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1904, S.62



30. Januar 2015 von Peter Hofmann

Der Typograf sprach „Es tut weh!“

Text gesetzt aus Druckschrift95 und Schulschrift95

Das Ende der Schulschrift

Finnland, europäischer Pisameister, denkt über das Ende der Schulschrift nach. Die Diskussion darüber ist auch in Österreich nichts neues und wird durch die Meldungen aus Finnland wiederbelebt:

Ich wünsche mir auch das Ende der Schulschriften.
In Österreichs Schulen wird eine eigene Variante der Druckschrift unterrichtet – die Schulschrift 1995. Nachdem heutige LehrerInnen ihre Unterlagen digital vorbereiten wollen, kursieren im Internet auch digitale Varianten für Block- und Schreibschrift. Diese (alle, egal ob kostenlos oder bezahlt) zählen zu den schlechtesten digitalen Schriften, die mir in letzter Zeit untergekommen sind.
Schlecht vektorisierte Scanns, verbeulte Kurven, löchrige Zurichtung, nicht existentes Kerning, fleckige Grauwerte – die digitalen österreichischen Schulschriften spielen alle Rollen in der typografischen Geisterbahn. Das Ende all dieser Schriften wünsche ich mir!
Stattdessen wünsche ich mir: Ein Bildungsministerium, das seinen MitarbeiterInnen ordentliches Werkzeug zur Verfügung stellt und dabei nach dem Motto »Fahr nicht fort, kauf im Ort« österreichische Schriftgestaltung und typografische Bewusstseinsbildung fördert.

Weißraum stellt aus: Ikonen und Eintagsfliegen

In Tirol läuft derzeit eine Ausstellung zu Arthur Zelger und dem Grafikdesign in Tirol. Der Binder-Schüler hat mit seinen Tourismus- und Sport-Plakaten das Tirol-Bild nachhaltig geprägt. Die von Anita Kern (Aufarbeitung des Zelger Nachlass) und Kurt Höretzeder kuratierte Ausstellung ist nur mehr bis 14. Februar im AUT Innsbruck zu sehen.
Aus der Ferne sind mir die parallel zur Ausstellung laufenden Grafikdesign-Workshops für Kinder und Jugendliche (leider schon vorbei!) aufgefallen.
Für alle, die es auch nicht vor Ausstellungsende nach Innsbruck schaffen:
Der 464-seitige Katalog ist im Haymon-Verlag erschienen und um € 39,90 im Handel erhältlich.

Ikonen und Eintagsfliegen WEI SRAUM Ausstellung 1
Termin 05. Dezember 2014 – 14. Februar 2015
Ort aut. Architektur und Tirol

13. Januar 2015 von Peter Hofmann

Lia Wolf

Katalog der Unordnung

Zum ersten Buchgespräch 2015 stellt Christoph Schörkhuber die Gedanken- und Gestaltungsprozesse hinter seinem prämierten Buchs »Katalog der Unordnung« vor.

buchgespräch: Christoph Schörkhuber
Zeit 13. 1. 2015, 19 Uhr
Ort Hauptbücherei wien

Schriftlabor 2015

Das Schriftlabor geht auch 2015 weiter, am kommenden Samstag (17. 1.) sind »Vom Scan zum Font « (11 Uhr) sowie »Zurichten und Unterschneiden« (14 Uhr) am Plan.

Schriftlabor
Zeit 17.1.2015, 11 und 14 Uhr
Ort FaceType-Studio, 6., Otto-Bauer-Gasse 24 (U3 Zieglergasse)

Lia Wolf Cabinett

Lia Wolf – die beste Wiener Buchhandlung für Grafikdesign und schöne Bücher allgemein, ist nach kurzer Pause, an neuem Standort wiedereröffnet. Die Einfahrt des Apostelkellers muss man durchtauch, um über den anschließenden Renaissancehof in Frau Wolfs neues Reich vorzudringen.
Groß ist es nicht, aber Lia Wolfs Gespür für schöne und gute Bücher und ein einmaliger Ort sorgen für das gewisse Etwas das bibliophile Herzen schneller schlagen lässt (Randbemerkung: auch die neue Website ist sehr gelungen lia.wolf.at).

Lia Wolf Cabinett
Sonnenfelsgasse 3/2A, Beletage
A-1010 Wien